Wieso die Suche nach dem perfekten Bewerber oft nicht gelingt … und zumeist auch nicht empfehlenswert ist.

Wer kennt Sie nicht, die mitreißenden Vorträge auf der bekannten Webplattform TED Talks. Im Zuge der ersten Quarantäne-Wochen bin ich dort auf einen spannenden Vortrag aus dem Jahr 2015 gestoßen, welcher mich neben meiner langjährigen Funktion als Telco-Engineer und Projektleiter auch in meiner aktuellen Rolle als Senior Recruiter besonders angesprochen hat.

In diesem Beitrag möchte ich mich mit dem Vortrag von Margaret Heffernan, “Forget the pecking order at work“ näher auseinandersetzen. Auf Basis meiner persönlichen Erfahrungen aus Projekten, Gesprächen mit Kunden als auch Bewerbern möchte ich ihnen erklären, wieso ich diesen Vortrag so passend für die Welt des Recruitings empfinde.

Der zentrale Begriff im Vortrag war für mich jener des „Super Chicken“. Aber lassen Sie mich zum Anfang der Geschichte springen:

Wunsch und Wirklichkeit

Wer kennt Sie nicht die Wunschvorstellung der Fachbereichsleitung endlich den lange gesuchten Lead Developer willkommen heißen zu dürfen. Die Anforderungen sind hoch, aber immerhin stimme auch das Gehalt und die Projektlandschaft ist spannend. Dafür müssen aber auch alle Anforderungen erfüllt sein. Und generell soll es ein neuer Top Performer werden. Die restlichen zwei Gurus springen bereits von Projekt zu Projekt und trotzdem fehlt der geplante Fortschritt im Tagesgeschäft und Unruhe macht sich langsam breit. Doch der Markt scheint leergefegt und Spezialisten schwer zu finden sein. Oder hat das Recruiting die Anforderungen nicht verstanden? Oder lassen sich Wunsch und Wirklichkeit tatsächlich nicht in Deckung bringen?

Ich möchte nun nicht darüber schreiben, wie die Arbeit zwischen Recruiter und Fachabteilung gestaltet werden sollte um eventuell die Stellenausschreibung noch weiter nachzuschärfen, die geeigneten Suchstrategien zu finden, alternativ über gekonnte Personalentwicklung vorhandene Mitarbeiter rasch auf das erforderliche Level zu bringen oder gar durch eine anderes Projektsetup Skills aus anderen Bereichen in das Projekt zu bekommen.

Der Mitarbeiter und das „Super Chicken“

Viel mehr Beschäftigte mich jene Botschaft aus dem eingangs erwähnten Vortrag, ob es der eigenen Organisation überhaupt zuträglich ist, diesen Supermitarbeiter zu suchen oder aus den eigenen Reihen zu entwickeln.

Kernteil des TED Talks von Margaret Heffernan war neben Ihrer eigenen Erfahrung als Unternehmerin die Studie des Evolutionsbiologen der Purdue University, namens William Muir.

Aus seinen privaten Beobachtungen an Hühnern fiel ihm auf, dass es unter einigen der Hühner richtige Superhühner gab, welche ausgesprochen produktiv waren. Das Resultat der Produktivität war einfach zu evaluieren: Die Anzahl der gelegten Eier.

Somit selektierte William Muir die hochproduktiven Hühner und stellte Sie einer Vergleichsgruppe mit durchschnittlichen Hühnern gegenüber. Um die Selektion noch weiter zu optimieren, verfolgte er diesen Ansatz über 6 Generationen mit einem für alle erstaunlichen Ergebnis:

Die Gruppe der durchschnittlichen Hühner hatte sich über die Generationen prächtig entwickelt, bei hervorragendem gesundheitlichem Zustand und gestiegener Produktivität.

Die Situation in der Gruppe der Superhühner hatte sich hingegen drastisch verschlechtert oder einfacher gesagt: Sie hatten sich gegenseitig zu Tode gehackt oder wurden durch den Selektions-und Leistungsdruck vorzeitig krank.  

Kapitän oder Stürmer

Am Ende des absolut amüsanten und zum Nachdenken anregenden Vortrags musste ich mir selbst die Frage stellen: Kenne ich selbst aus meiner Erfahrung Projekte, in welchen diese Superhelden und -heldinnen evtl. weniger Fortschritt einbrachten als Anfangs gedacht? Funktioniert eine Mannschaft in welcher sich eine einzelne Person so stark hervorhebt tatsächlich besser?

Ich denke, dass es diese Top-Experten braucht, jedoch mit einer für mich essentiellen Fußnote: Sie benötigen neben ihren hervorstechenden fachlichen Kenntnissen auch eine ausgeprägte soziale Kompetenz bzw. das richtige Setup im Projekt und eine passende Unternehmenskultur. Nur so können diese Mitarbeiter das volle Potential auch wirksam und langfristig entfalten. Ansonsten sind Führungsebenen ungleich höher gefordert und sehr oft überfordert, wodurch High Potentials vorzeitig Unternehmen verlassen und nicht selten verbrannte Erde hinterlassen.

Was moderne Projekte fordern

Moderne Unternehmensformen- aber auch Projektframeworks wie Srum zählen sehr stark auf Teamwork, interdisziplinäre Zusammenarbeit und den weitestgehenden Verzicht auf hierarchische Rollenmodelle. Dafür stehen persönliche Interaktion, Kooperation, Transparenz und Wissenstransfer an vorderster Stelle. 

Daher sollten Personalverantwortliche neben dem eigentlichen Skillset verstärkt auf die sozialen Kompetenzen achten und auch darauf, ob sich ein Anforderer nicht mehr erwartet als er am Ende Steuern kann. Somit könnte möglicherweise ein neuer hervorragender Teamkapitän das nächste Spiel eher gewinnen. Ohne, dass Sie einen weiteren Stürmer teuer zukaufen und zudem eine sehr lange Personalsuche in Kauf nehmen müssen.

Quelle: Margaret Heffernan. “Forget the pecking order at work“ TED Talks 2015 https://www.ted.com/talks/margaret_heffernan_forget_the_pecking_order_at_work 

Welche Erfahrungen konnten Sie machen? Ich freue mich auf Ihre Gedanken!

Christian Lehner
christian.lehner@softcom.digital